Am 10.6. wird Thomas Wachtendorf auf Einladung des Kulturparlaments Soest über Ästhetik und Kunst sprechen.

Das Kulturparlament Soest veranstaltet in diesem Jahr eine Vorlesungsreihe, in deren Rahmen Thomas Wachtendorf am 10.6. um 17:30 Uhr im Museum Wilhelm Morgner zum Thema: Die Gefälligkeit der Kunst sprechen wird.

 

Die Gefälligkeit der Kunst

Die Moderne hat eine Betonung des einzelnen Individuums als sozusagen epistemisches Zentrum der Welt mit sich gebracht. Infolgedessen wird die Verständigung auf gemeinsame Wahrheiten immer schwerer. Galt mit Platon ( Theaitetos , um 365 vor) früher als Wissen die so genannte wahre, gerechtfertigte Meinung, scheint in der Moderne die bloße Meinung allein zur Begründung von Wissen auszureichen.

Eine solche Entwicklung ist ebenfalls in der Ästhetik zu beobachten. Die bereits in der Antike laut gewordene und mit Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) in seinen Schriften Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (1735) und Aesthetica (1750) unter dem Begriff der Ästhetik erstmals systematisierte Aufgabe der Kunst, die Hannah Arendt (1906-1975) in dem berühmten Diktum „Von den Dichtern erwarten wir Wahrheit“ ausdrückt und über die Friedrich Schiller (1759-1805) in seinem Aufsatz Ueber Anmuth und Würde (1793) spricht und der Kunst darin den Anspruch zuschreibt, etwas Allgemeineres als die bloße Meinung ihres Urhebers zum Ausdruck zu bringen, scheint modern immer mehr zu einem „Schön ist, was gefällt“ oder „Jeder ist ein Künstler“ zu degenerieren. Die sprichwörtliche Behauptung, über Geschmack könne man nicht streiten, wird missbräuchlich auf den Begriff der Schönheit übertragen, um diesen damit gegen eine mögliche Diskussion über dessen Bedeutung zu immunisieren. Man muss überdies nicht logisch geschult sein, um zu verstehen, dass ein Begriff seine Trennschärfe verliert, wenn er auf alles zutreffen soll. Deutlicher als der Satz, dass jeder ein Künstler sei – strictu sensu aufgefasst –, kann das Ende der Kunst also nicht erklärt werden: Jeder ist ein Künstler, alles ist Kunst und über Geschmack kann man nicht streiten. Die Kunst macht sich auf diese Weise selbst überflüssig, trägt sie doch nicht mehr zum Verständnis der Welt bei, als es ein Gespräch über die Befindlichkeit des Künstlers auch könnte, wodurch sie am Ende eben auch nicht mehr ist, als ein bloßer Ausdruck der Befindlichkeit.

Der Anspruch, in der Kunst Wahrheit auszudrücken, wird aus dieser vertrieben, die bloße Meinung hält Einzug. Kunst aber, die darauf verzichtet, sich selbst zu transzendieren, mithin also eine Aussage über die Welt zu treffen, solcherart, dass wenigstens der Künstler den Anspruch erhebt, dass sie wahr und nicht lediglich Ausdruck seiner subjektiven Meinung ist, verkommt zur bloßen Beliebigkeit – zu einer Kunst für die disjunkten Individuen, deren Gefallen sie zufällig trifft – oder eben auch nicht.

Die Frage ist also (wieder oder immer noch oder jetzt gerade): Welchen Anspruch soll Kunst in der Moderne erheben? Soll sie etwas aussagen und damit zugleich auch ein Korrektiv beispielsweise für gesellschaftliche Entwicklungen sein oder soll sie bloß gefallen? Falls Letzteres der Fall sein sollte, würde Marcel Reich-Ranicki den Künstlern zu Recht entgegen: Langweilen Sie mich nicht!

 

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