1003 Frauen soll Don Giovanni, der Held aus Mozarts gleichnamiger Oper, verführt haben. Aber warum bloß?

Auf diese Frage mag es verschiedene Antworten geben. Eine davon gibt Sören Kierkegaard, der berühmte dänische Philosoph und Begründer der Existenzphilosophie, im ersten Teil seines Hauptwerks „Entweder — Oder“. Er diagnostiziert Don Giovanni darin eine ästhetische Lebensweise, die auf äußere Dinge gerichtet ist. Anstatt nämlich die für den Menschen zentralen und bewegenden Fragen wie beispielsweise diejenige nach dem Sinn des eigenen Lebens zu beantworten, lenkt sich Don Diovanni durch immer neue Zerstreuung in Form amouröser Abenteuer davon ab. Menschen mit einer solchen Lebensweise haben Angst vor der eigenen Machtlosigkeit, die sie dann empfinden, wenn sie keine Antworten auf die zentralen Fragen ihres Seins finden können und sich dadurch haltlos, unsicher und verloren fühlen. Als Konsequenz daraus fliehen sie in die Illusion, sie hätten Macht über sich und ihr Leben, indem sie Macht in Form von Herrschaft über anderes ausüben — sie geben somit Dingen den Vorzug vor dem Sein, denn andere Menschen kommen im Leben solcherart Narzissten nur als Dispositionsmasse zur beliebigen Verfügung vor, nicht aber als Menschen. Don Giovanni tut insofern genau das, was Narzissten eben tun, die glauben, Herrschaft über sich durch Herrschaft über etwas anderes — etwa über Häuser, Autos oder eben andere Menschen — gewinnen zu können.

Dass diese ästhetische, auf rein Äußerliches gerichtete Lebensauffassung scheitern muss, bringt Kierkegaard in dem Satz zum Ausdruck: „Jede Lebensanschauung, die den Sinn des Lebens von einer äußeren Bedingung abhängig macht, ist Verzweiflung. Dem Leid zu leben ist also im gleichen Sinne Verzweiflung, wie dem Genuß zu leben; denn das ist eben Verzweiflung, sein Leben in etwas zu haben, dessen Wesen es ist, zu vergehen.“

Don Giovanni ist demnach ebenso wenig ein glücklicher Mensch zu nennen, weil er Erfolg bei Frauen hatte, wie die übrigen Narzissten glücklich zu nennen sind, weil sie viele Autos, Häuser oder sonst etwas haben. Ihnen allen ist gemein, dass sie zutiefst verzweifelt sind, unfähig, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Der Weg zu einem glücklichen Leben muss deshalb die ästhetische Lebensweise hinter sich lassen.

„Don Giovanni“ von Mozart wird dieses Jahr im Rahmen der StadtOper in Soest aufgeführt. Die Akademie für angewandte Philosophie beteiligt sich am 21.5. mit einem Vortrag am Rahmenprogramm. Darin soll Kierkegaards angesprochene Interpretation des Werks vorgestellt und diskutiert werden. Veranstaltungsort ist das Singkulturhaus Alma Viva in der Arnsbergerstraße 3, 59494 Soest. Beginn ist um 20:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.

 

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